Wie das „Lightning Network“ Kryptowährungen alltagstauglich machen könnte

Von Richard Cattien , 12.11.2018, 17:30
Lightning Network

Bitcoin & Co. haben vor allem durch ihre rasante Kursentwicklung im vergangenen Jahr eine große Bekanntheit erlangt. Als alltägliches Zahlungsmittel haben sich die Kryptowährungen jedoch längst  nicht etabliert. Der Zugang und die Bedienbarkeit sind auf dem heutigen Stand der Technik noch stark eingeschränkt. Kryptowährungen werden momentan fast ausschließlich als Kapitalanlage verwendet, wobei es zu relativ wenigen, dafür aber großen Transaktionen kommt. An das Bezahlen an der Supermarktkasse beispielsweise ist aber noch lange nicht zu denken.

Die Situation lässt sich mit dem Ecommerce der 1990er Jahre vergleichen. Es gab damals schon die Möglichkeit, online einzukaufen; allerdings war es nur möglich, sich über ein stationäres Modem ins Internet einzuwählen. Der Einwählvorgang selbst war zeitaufwändig, die Verbindung dementsprechend langsam. Heute ist das Shopping-Erlebnis auf mobilen Endgeräten von überall aus möglich und damit im Alltag angekommen. Ein ähnliche Entwicklung könnte sich – dank des sogenannten „Lightning Networks“ – bald schon bei den Kryptowährungen vollziehen.

 

Skalierbarkeit und Geschwindigkeit sind ungelöste Probleme

 

Das größte Hindernis für die Alltagstauglichkeit ist die hohe Transaktionsdauer. Im Netzwerk von Bitcoin, der größten und bekanntesten Kryptowährung, sind derzeit etwa vier bis sieben Transaktionen pro Sekunde möglich. Zum Vergleich: Herkömmliche Payment-Anbieter wie Visa oder MasterCard schaffen in Spitzenzeiten bis zu 50.000 Transaktionen pro Sekunde. Der Abschluss einer Bitcoin-Transaktion dauert in der Regel ca. 10 Minuten, in vielen Fällen aber auch deutlich länger. Das heißt, die auf Blockchain-Technologie basierenden Kryptowährungen sind momentan noch zu langsam und wenig skalierbar, um im Alltag verwendbar zu sein. Denn Hand aufs Herz: Wer möchte schon eine Stunde beim Bäcker warten, bis der Kaffee bezahlt ist?

Der Grund hierfür liegt in der Funktionsweise der zugrundeliegenden Blockchain-Technologie. Die Blockchain beruht auf einem offenen verteilten Netzwerk. Jede neue Transaktion muss von den sog. Minern zunächst auf Validität hin überprüft werden und in einen neuen Block aufgenommen werden. Der neue Block wird dann in einem aufwändigen Rechenverfahren „geschürft“ und im Netzwerk verteilt, was im Schnitt ca. zehn Minuten dauert (der sog. Proof-of-work). Diese Kette von Blöcken (daher der Name „Block-chain“) enthält die gesamte Transaktionsgeschichte der monetären Einheit.

Ein wichtiger Vorteil dieses Systems ist, dass es – im Gegensatz zu herkömmlichen Zahlungsmitteln – ohne eine „intermediäre“ Instanz funktioniert, wie zum Beispiel die Geschäfts- oder Zentralbanken. Das System kann die Zahlung durch anonyme Teilnehmer im Netzwerk verifizieren lassen. Da die Verifizierung aber durch komplexe Rechenoperationen bewerkstelligt wird, muss für eine Transaktion immer auch ein Teil des Netzwerks mit entsprechender Rechenleistung verfügbar sein. Hierdurch kommt es zu Verzögerungen und schlechter Bedienbarkeit bei den Transaktionen.

 

Das „Lightning Network“ prozessiert Transaktionen abseits der Blockchain („offchain“)

 

Innerhalb der Krypto-Community hat dieses Problem zur sogenannten „Skalierungsdebatte“ geführt: Wie lassen sich Durchsatz und Geschwindigkeit der Transaktionen erhöhen, damit sich  Kryptowährungen besser als Zahlungsmittel eignen? Eine vielfach diskutierte Möglichkeit besteht darin, die Größe der Blöcke zu erhöhen, damit mehr Transaktionen pro Block möglich werden. Dies hätte jedoch den Nachteil, dass die Anforderungen an den einzelnen Knoten im Netzwerk in Bezug auf Speicher, Bandbreite und Rechenleistungen steigen. Gegner dieser Skalierungsmethode befürchten aufgrund der erhöhten Anforderungen an die Knoten eine schleichende Zentralisierung des Netzwerks.

Einen alternativen Lösungsansatz bietet das sogenannte „Lightning Network“. Die Idee dahinter besteht darin, dass Transaktionen auf einem separaten Zahlungskanal („Payment Channel“) außerhalb der Blockchain stattfinden. Zwei Knoten innerhalb des Netzwerks können einen eigenen Kanal eröffnen und hierdurch beliebig viele Transaktionen tätigen. Dabei entfallen die Transaktionsgebühren mehr oder weniger komplett und die Geschwindigkeit erreicht ein hohes Niveau.

Dieses Anwendungsszenario ist für regelmäßige Überweisungen zwischen zwei eng vertrauten Parteien denkbar, jedoch nicht für das tägliche Marktgeschehen. Beispielsweise wäre es für einen Laden mit Laufkundschaft ein viel zu hoher Aufwand, für jeden Kunden einen neuen Payment Channel zu setzen. Hierfür bietet das Lightning Network die Option des Routing: Ein Knoten im Netzwerk dient dabei als unabhängige Zwischenstation, über die zwei Teilnehmer Kryptozahlungen ausführen können, ohne einen direkten Payment Channel zu eröffnen.

Die Routing-Lösung hat den Vorteil, dass sich Zahlungen zwischen wechselnden Teilnehmern einfach und schnell durchführen lassen. Damit könnten Kryptowährungen so leicht anwendbar werden, wie wir es heute von Kredit- oder EC-Karten gewohnt sind. Allerdings könnte der Third-Party-Ansatz des Routing der Etablierung von Intermediären Vorschub leisten, die sich ähnlich wie bereits existierende Payment-Dienstleister verhalten. Damit könnte das Blockchain-System einen wesentlichen Vorteil einbüßen.

 

Die Anwendungsszenarien für das „Lightning Network“ sind vielfältig

 

Insofern ist darüber nachzudenken, in welchen Szenarien sich das Lightning Network am sinnvollsten einsetzen lässt. Für Unternehmen, die intern Geld transferieren oder regelmäßige Transaktionen mit vertrauten Kunden und Lieferanten tätigen, ist der bilaterale Payment Channel eine durchaus interessante Option. Routing-Netzwerke könnten in Konkurrenz zu etablierten Payment-Dienstleistern treten und um Kunden werben, die mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen bezahlen wollen. Aber auch in Entwicklungsländern, die über kein vertrauenswürdiges oder nur eingeschränktes Bankensystem verfügen, stellen sie womöglich eine stabile Alternative zu den herkömmlichen Zahlungsweisen dar.

 

Erfahren Sie mehr zum Thema in unserem Podcast „PENTATALK“.

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